Paradigmenwechsel durch BIM: Chance oder Risiko?

Am BIM-Symposium von Artaker diskutierten Architekten, Bauherren und Softwareentwickler

Wien, am 28.09.2015 (HEG) „BIM (Building Information Modeling) stellt einen Paradigmenwechsel dar und ist eine Managemententscheidung. Es gibt keinen Königsweg. Der zu wählende Weg ist so individuell wie das Unternehmen.“ Dieser Ausspruch des kürzlich verstorbenen „Mr. BIM“ Christian M. Artaker, war das unausgesprochene Generalthema des 1. BIM-Symposiums von Artaker CAD Systems und seinem Partner Autodesk. 150 Gäste folgten der Einladung ins Schloss Schönbrunn und konnten sich aus den unterschiedlichen Vorträgen von Architekten, Bauherren, Softwareentwicklern, Kammervertretern und ÖNORM-Experten selbst ein Bild machen.

„BIM verändert unsere Arbeitsprozesse in ihren Grundfesten“ stellte gleich der erste Speaker des Symposiums, Kammervize und Universitätsvortragender Bernhard Sommer fest, denn „das Werkzeug prägt unser Denken“. Er plädierte dafür, BIM nicht als lästiges aufwendiges Tool zu betrachten, sondern es kreativ zu nützen und seine Gestaltungsmöglichkeiten auszureizen.

BIM als Prozess
In eine ähnliche Kerbe schlug auch Gernot Wagner von PORR Design & Engineering. BIM nicht als Software, sondern als Prozess zu sehen, war eine seiner zentralen Botschaften. Gleichzeitig betonte er: „Wer BIM verwendet, muss zwar seine Prozesse anpassen, aber nicht die gesamte Firma umbauen.“ Bei PORR ist BIM besonders in der Kalkulation und der Angebotslegung ein wichtiger Faktor. Änderungswünsche können heute mit Hilfe von BIM leichter vorgenommen und auch schnell festgestellt werden, ob sie den Budget- und Zeitrahmen sprengen.

Ob BIM überhaupt eingesetzt werden soll, ist für Wagner jedenfalls eine Topmanagement-Entscheidung. „Wenn sich ein Unternehmen für BIM entschließt, müssen viele strategische Entscheidungen gefasst werden“, erläuterte er. Wo wird es in der Organisation aufgehängt, welche Programme werden verwendet, welche Ziele damit verfolgt und welche IT-Landschaft benötigt? „Eine der größten Hürden für BIM ist die im Kopf“, findet Wagner. Daher sei es besonders wichtig, auch das richtige Personal zu finden. Gebraucht würden Freigeister und nicht Leute, die in alten Denkmustern verharren. Auch die IT-Landschaft müsse adaptiert werden, da alle am BIM-Prozess Beteiligten standortunabhängig auf die jeweiligen Anwendungen zugreifen müssen. Bei PORR wird dafür an einer Cloud-Lösung gearbeitet. Derzeit plant der Konzern ein Stadion für die Fußballweltmeisterschaft in Katar. BIM hilft dabei, abzuschätzen, ob Entwürfe nicht nur planbar, sondern auch baubar sind und welche Unterstützungsmaßnahmen notwendig sind, um Zeit- und Budgetvorgaben einzuhalten.

ÖNORM A6241 als internationaler Vorreiter
Lars Oberwinter von der Technischen Universität Wien verglich die BIM-Standards weltweit mit der ÖNORM A6241, dem österreichischen Regelungswerk zum Thema BIM.  „Die meisten internationalen Normungsansätze geben einen guten Einblick in die BIM-Arbeitsweise und haben häufig Handbuchcharakter. Aber nur die wenigsten sind normativ“, erklärte er. Das zweiteilige österreichische Regelungswerk hingegen schon. Eine seiner Besonderheiten: Der ASI Merkmalserver. Dabei handelt es sich um eine umfangreiche Online-Datenbank, in der die Struktur der Eigenschaften von Bauelementen und Materialien beschrieben ist. Der Kern der A 6241-2 ist ein in der Nutzung kostenfreier Server, in dem sämtliche verfügbaren Objekte samt ihrer Merkmale und der Projektphase der verpflichtenden Verfügbarkeit abgebildet sind. Dieser Merkmal Server ist als Webservice in Autodesk Revit und anderen CAD-Softwareprodukten integrierbar. Weiters wird erstmals die Verknüpfung von Gebäudeinformationen, Projektbeteiligten und Projektphasen festgeschrieben. Oberwinter: „Das Ziel der ÖNORM A6241 ist, den Modellier- und Planungsaufwand in frühen Phasen zu minimieren und den geometrischen Detaillierungsgrad gering zu halten.“ Im internationalen Vergleich nimmt die österreichische Norm heute bereits eine Vorreiterrolle ein.

Connectivity als wichtiges Zukunftsthema
Einen internationalen Vergleich stellte auch Ralf Mosler, Business Development Manager bei Autodesk an. Er kam zum Schluss, dass Österreich und Deutschland in Digitalisierungsfragen zwar insgesamt einigermaßen gut da stünden, die Bauindustrie allerdings weniger. Studien zufolge ist eine der großen Herausforderungen für die Branche der hohe Prozentsatz an Projekten, die sich schlechter als erwartet entwickeln. Mögliche Gründe dafür sind Ineffizienzen und Kostenrisiken. Laut Mosler fordern daher immer mehr Auftraggeber den Einsatz von BIM. Neue BIM-Spezifikationen würden laufend entwickelt und an Themen wie Connectivity (Vernetzung) werde intensiv gearbeitet. Für zukünftige Bauherren tun sich also ganz neue Möglichkeiten der Partizipation auf. Die EU empfiehlt bereits jetzt den Einsatz von BIM, die Deutsche Bahn stellt bis 2017 auf BIM um.

BIM aus Bauherrensicht
BIM bringt viele Chancen, gleichzeitig sind jedoch noch viele Punkte ungeklärt. Das ist das Resümee von Gerald Adamec, der bei der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) für Datenmanagement und CAD zuständig ist. Die Vorteile sieht er vor allem in der gesteigerten Qualität, dem geringeren Baurisiko, der aktuelleren Baufortschrittsplanung, der guten Kostentransparenz, der besseren Terminsicherheit, der hohen und umfassenden Datenqualität und dem As-Built-Modell (kein Unterschied zwischen geplanter und tatsächlicher Ausführung). Noch ungelöst sei, wie zu sanierende Bestandsobjekte in das BIM-System eingebracht werden können. Ebenfalls noch ungeklärt ist für Adamec die Frage der Wettbewerbseinschränkungen bei öffentlichen Ausschreibungen, da derzeit nicht alle potenziellen Angebotsleger mit BIM arbeiten. Weitere offene Fragen betreffen die Einbindung von KMUs in den Planungsprozess und die Haftungen bzw. Urheberrechte im BIM-Prozess.

Im zweiten Teil der Veranstaltung lag der Schwerpunkt vor allem auf der Umsetzung in der Praxis. Die bestimmenden Themen waren: BIM im Entwurf, in der Kommunikation und in der Implementierung sowie der optimale Einsatz von BIM. Spannende Praxisbeispiele waren die integrale Planung bei der ÖAMTC-Zentrale, das Future Art Lab der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien und Bauvorhaben von Meissl Architects. Besprochen wurden der Weg des Umstiegs, Erfahrungen aus dem Planungsalltag sowie die ständige Weiterentwicklung der BIM-Arbeitsweise in der Praxis.